Geschichte zum Theaterbrand  am  5. März 1908
 

Glühende Kohlenreste


Drittens wurde von der Annahme ausgegangen, das Graf beim Hinaustragen der Asche möglicherweise doch kleine, noch glimmende Kohleteilchen verloren habe. Weil es schon früher gewisse Probleme mit der Asche gegeben hatte, durfte sie nämlich nicht mehr in einem Behältnis im Kellergang gesammelt, sondern mußte - stets an dem neuralgischem Punkt vorbei - ins Freie zu eisernen Fässern transportiert werden. Anschließend war der Gang vom jeweiligen Heizer zu fegen. Als wahrscheinlichste  Ursache für den Brand wurde schließlich angenommen, das Graf an jenem Unglückstag eben doch etwas glühende Kohle verloren und beim Fegen unbeabsichtigt in einen Spalt der Sterinkerzenkiste geschoben hatte. Das Sterin in der Kiste, dann der Hartspiritus in der Lichterkammer hatten sich entzündet. Auf diese Weise wäre dann die Katastrophe ausgelöst wurden.


Keine Brandstiftung


Zwar hat man sich darüber hinaus noch mit der Frage beschäftigt, ob nicht auch vielleicht andere Personen fahrlässig mit Leuchtern (etwa auf dem Weg zu den Toiletten im Keller) hantiert, ob ganz fremde sich im Haus aufgehalten hätten. Doch sowohl diese Möglichkeit wie jene der voraussichtlichen Brandstiftung wurde ausgeschlossen. Einmal entfacht - so rekonstruierte man seinerzeit für den Herzog - nahm das Feuer seinen Weg über Kabelkanäle, breitete sich dann auf dem Dachboden des Bühnenhauses aus, griff von dort um sich (nicht über die Bühne, denn dort versperrte ihm der Eiserne Vorhang die Bahn) und auf das Dach des Zuschauerraumes über. Namentlich im erstgenannten Bereich fand es reichlich Nahrung. Denn dort lagerten große Teile des Fundus (Damengarderobe, Hüte, Trikots, Schuhe, Requisiten, Mobiliar usw.).


Angemessen gehandelt?


Mochte das Feuer durch Unachtsamkeit oder durch nicht mehr zu erhellende chemische Reaktionen ausgelöst wurden sein - die nächste Frage, die sich erhob, war, ob es durch angemessenes Handeln all jener, die es zunächst bemerkt hatten, an seinem Ursprungsort gelöscht und der Untergang des Theatergebäudes hätte verhindert werden können: Im Laufe der Jahre hatte man - nicht zuletzt auf Grund verheerender Theaterbrände in ganz Europe - im Meininger Haus viele Sicherheitsvorrichtungen einbauen lassen: Verschiedene Hydranten, darunter auf der Bühne einen eisernen Vorhang usw. In Anbetracht dieser technischen Voraussetzungen und bei der Art des Brandherdes - darüber waren sich alle Entscheidungsträger einig-  hätte sich zu einem Zeitpunkt, an dem eine größere Zahl an Schauspielern oder Musikern im Gebäude anwesend waren, der Brand mit Sicherheit sofort löschen lassen. Der Ausbruch des Feuers wäre rasch bemerkt und seine Eliminierung durch energischen Zugriff äußerst wahrscheinlich gewesen. Wie die Dinge aber lagen, ist offenkundig zunächst einmal (außer dem Kastellan, seiner schwerkranken Frau und beider Töchter in ihrer Wohnung) kein Mensch im Hause gewesen. Die letzteren vorgeschriebenen Kontrollgänge lagen schon Stunden zurück. Nur der Zufall wollte es, daß eine Schauspielerin mit ihren Gästen durch das Gebäude schlenderte. Sie handelte im Prinzip richtig. Auch Schlesinger tat zu dem Zeitpunkt, als er im Gebäude anlangte, daß ihm mögliche.


Kopflose Reaktionen


Ganz anders stellte sich die Sachlage bei dem Kastellan und seiner Tochter dar. Sie haben weder den eisernen Vorhang herabgelassen noch die Hydranten auf der Bühne geöffnet. Sie hätten mit deren Wasser das Feuer vermutlich noch löschen können. (Als Schlesinger kam, war es dafür schon zu spät.) Überdies wäre es ihnen möglich gewesen, von der südlichen Kellerseite unter der Bühne hindurch, nahe an den Brandherd heranzu- kommen. Schließlich hätten Vater wie Tochter sofort nach der Mitteilung durch die Schauspielerin Feueralarm auslösen müssen. Nichts dergleichen geschah jedoch. Angesichts des Qualms reagierten sie hektisch. Wegen der vielen Vesäumnisse bzw. Fehlhandlungen wurden beide über mehrere Tage von der Regierungskommission, die mit der Klärung der Brandursache beauftragt war und mit den Versicherungsgesellschaften zu verhandeln hatte, vernommen. Beide erklärten schließlich wortwörtlich übereinstimmend, dass sie “ganz den Kopf verloren” und infolgedessen weder an die Hydranten gedacht noch eine sinnvolle Aktion unternommen hätten. Als Begründung für ihr Versagen machte der Kastellan geltend, dass er durch seine Krankheit noch sehr geschwächt gewesen wäre. Da es seiner Frau sehr  schlecht ging, “sprang (er) in erster Linie zu (seiner) kranken Frau.” Die Tochter gab an, dass sie wegen der Pflege der kranken Eltern viele Nächte nicht geschlafen und infolgedessen falsch reagiert habe. Man hätte die unglückseligen Menschen, die ja nun ihrerseits ausgebrannt waren, in der Knieselschen Schule einquartiert. Selbst der Oberhofmarschall bat Georg, er möge den Mann wegen seiner auf den Tod darniederliegenden Frau nicht sofort entlassen. Für Hofdienste sei er allerdings nicht mehr verwendungsfähig.


Feueralarm zu spät


Auch am Verhalten des Meininger Brandmeisters Elias Reß fanden die Regierungsvertreter wie auch Georg II. sehr viel zu monieren. Nachdem er vom Feuerausbruch im Theater in Kenntnis gesetzt worden war, stürzte er Hals über Kopf aus seiner Wohnung und rannte zur Brandstelle. Er löste keinen Feueralarm aus und nahm nicht einmal seinen Helm mit. Erst als es zu spät war, um den Brand noch wirkungsvoll zu bekämpfen, tat die Meininger Feuerwehr dann ihre Pflicht. Es schwingt schon tiefe Resignation angesichts der obwaltenden Umstände mit, wenn Schleinitz für seinen Fürsten resümierte: “Wenn das Feuer am Abend ausgebrochen wäre, so würde das Haus nicht abgebrannt sein.Vielleicht hätte aber eine Panik viele Menschen- leben gekostet. Das Hauptunglück waren der alte kranke Kastellan u(nd) daß zur Mittagspause kein Mann im ganzen Haus anwesend war, der zu- greifen konnte.” Der Vollständigkeit wegen ist dem noch hinzuzufügen, dass an jenem Tag sämtliche für die Brandbekämpfung geschulten Personen erkrankt waren und durch weniger geübte Stellvertreter ersetzt wurde: neben dem Kastellan auch der Heizer, übrigens auch der Bühnenmeister. Zu allem Überfluss war der Hilfsheizer nicht pünktlich um 13.00 Uhr, sondern erst viel später wieder an seine Arbeitsstätte zurückgekehrt.


Ende als Elegie

Das alte Hoftheater endete übrigens als eine Elegie. Am Tage nach dem Brand ließ sich Otto Osmarr eine Leiter an die Fassadenruine anlegen und stieg über sie in den ehemaligen Reunionssaal empor. Dort hatten ehedem die glänzenden Maskenbälle der Hofgesellschaft und die wegen der großartigen Akustik so berühmten Reunionskonzerte von Spohr, Bülow, Brahms, Joachim und Mühlfeld stattgefunden. “Kein Dach, kein Fußboden mehr”, beschrieb der Intendant den Raum, “nur dicht an dem Fenster lag schief auf Schutt und einigen hervorspringenden Fußbodenbalken einsam der Bechsteinsche Flügel. Die eine Seite angebrannt, das Fourniert durch Wasser blasenartig aufgezogen, aber er hatte noch Leben in sich. Ich öffnete die Klaviatur und schlug das Parcivalmotiv an. So waren in den öden Trümmern die letzten Töne, die erklangen: Der Glaube lebt, die Taube  schwebt - des Heilands holder Bote !” Und mit einer hübschen Wendung an den Herzog - an den der Bericht adressiert war - zog sich der Theaterchef, der auch für die Sicherheit des ihm anvertrauten Gebäudes rechtlich verant- wortlich zeicjnete und dessen Untergebene so kläglich versagt hatten, aus der Affäre: “Auch in uns allen lebt gläubig der Glaube auf die Heilsbotschaft die Ew.Hoheit, unser allergnädigster Fürst uns verkünden wird”.


Wohl dem, der einen Herzog hat, der dem armen Sünder verzeiht und der alles Elend der Welt schon richten wird - der jedenfalls von gerichtlichen Schritten absieht, ein neues Theater auf seine Kosten errichten lässt und der - bis es fertig ist - die Gage weiterzahlt !

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