Musiktheater: Ein kleines Opernhaus in Thüringen will an Ostern (2001) Richard Wagners gesamten "Ring des Nibelungen" stemmen.
In einem spektakulären Kraftakt soll in der thüringischen Provinz ein "ostdeutsches Bayreuth" entstehen: Nach zweijährigen Proben präsentiert das Theater Meiningen Richard Wagners monumentalen "Ring" als Polit-Revue voll schriller Extras und drastischer Komik. Von Klaus Umbach
"Am Rande des Größenwahns"
In einem spektakulären Kraftakt soll in der thüringischen Provinz ein "ostdeutsches Bayreuth" entstehen: Nach zweijährigen Proben präsentiert das Theater Meiningen Richard Wagners monumentalen "Ring" als Polit-Revue voll schriller Extras und drastischer Komik.
Stopp! "Nicht so, nein, Nanco, nein", protestiert die Regisseurin, "so ist das Bullshit." Nicht auf den Boden, "Herrgott noch mal!", nein, hoch müsse er gucken, sagt Christine Mielitz, wirft den Kopf in den Nacken und grapscht in die Luft, als könne sie die Sinneslust mit Händen greifen: "Von da oben kommen dicke Brüste, da glotzt du auf ganz viel Weib, und diese prallen Dinger machen dich unglaublich geil. Sing sie an!"
Folgsam, wiewohl ein wenig verstört, blickt der holländische Bariton Nanco de Vries mit gespieltem Geifer in die gewünschte Richtung: "Ihr da oben!", gurgelt er dazu als Wagners Alberich mit lustbetonter Röhre, "mit euch tollte und neckte der Niblung sich gern."
Doch für den Lustmolch ist da oben noch nix zum Necken, keine der Maiden mit schwerem Busen, massigem Hintern und riesiger Vagina zwischen weit klaffenden Schenkeln. Statt auf scharfe Rheintöchter starrt der Sänger bloß auf die fleckige Zimmerdecke in Meiningens früherem Landratsamt. Längst sind die Staatsdiener aus dem Bau geflüchtet. Jetzt wird hier Oper geprobt, das allerdings seit über zwei Jahren und immer noch. Wagner, nichts als Wagner: "Der Ring des Nibelungen", das große Weltengedicht, diesmal in Meiningen, in einem toten Winkel der Republik.
Und weil dieses Monstrum so verdammt schwer zu meistern ist, üben des Rheines Grisetten nicht nur in den verlassenen Büros an der Georgstraße. Mit Nibelungen, Walküren und Göttern tummeln sie sich auch auf der großen und auf der Probebühne des richtigen Opernhauses, auch im Festsaal des Hotels Sächsischer Hof und in zwei Kleinkunststudios. An sechs verschiedenen Stellen gleichzeitig wird in Meiningen der längste und kniffligste Plot des Opernrepertoires einstudiert. Das halbe Städtchen scheint von Wagners mythischer Belegschaft okkupiert; viel Wagalaweia im Werratal.
Sieht ganz so aus, als spiele die Kreisklasse auf einmal in der Bundesliga. Denn "Das Meininger Theater - Südthüringisches Staatstheater", wie diese bescheidene Spielstätte offiziell heißt, schuftet momentan wie ein Weltmeister, und ein solcher, eine Art Über-Bayreuth, will es mit Wagner auch werden - ein grandioser Tick das Ganze, dreist, fast schon Hochstapelei. Nicht nur die Intendantin Christine Mielitz wähnt sich "am Rande des Größenwahns", nein, ihr ganzer Laden.
Denn mit einem Schlag - Start Karfreitag, Finale Ostermontag - will die Bonsai-Bühne in diesem Frühjahr den "Ring" als komplettes Premieren-Quartett herausbringen, und das, anders als weltweit üblich und sinnvoll, ohne einen einzigen Ruhetag.
Dabei galt eine spielfreie Einlage bislang als unentbehrlich: Während des musikdramatischen Marathons müssen vor allem die vollbeschäftigten Blechbläser einfach mal Luft holen, und selbst eingefleischten Wagnerianern tut eine Verschnaufpause gut. Aber nein, Mielitz macht durch, Abend für Abend, hart auf hart.
So ungestüm wie diese rastlose Prinzipalin hat sich in der 125-jährigen Geschichte des "Ring" noch niemand in die Tetralogie gestürzt: keiner der Bayreuther Wagners, nicht die Bayerische oder die Hamburgische Staatsoper, nicht die Met in New York oder die Scala in Mailand. Nur 98617 Meiningen, der schläfrige Sprengel in Thüringens südlichem Blinddarm, traut sich zu, das mörderische Gesamtkunstwerk im lückenlosen Viererpack durchzuziehen.
Seit August 1998 ist Mielitz, 51, in Meiningen Intendantin. Zugleich ist sie dort Operndirektorin, und sie inszeniert auch, vor Ort und außer Hause. Bei über 500 Vorstellungen pro Saison müsste sie in ihrem Drei-Sparten-Institut (plus Puppenspiel) eigentlich ausgelastet sein.
Doch kaum im Amt, hatte sie sich den "Ring" in den Kopf gesetzt, für das Nibelungen-Drama die allgemeine Mobilmachung angeordnet und als logistische Strippenzieherin eine geradezu revolutionäre Produktionsstrategie festgelegt.
Zunächst wurden 80 Gesangskandidaten aus sieben europäischen Ländern, aus USA, Korea und Australien als mögliche Solisten vorgeladen und abgehorcht. Um einem frühzeitigen Abrieb der Stimmbänder vorzubeugen, ließ Mielitz alle Rollen dann wenigstens doppelt besetzen. Keiner der Auserwählten, ob Gast oder Ensemblemitglied, hat seine Partie je zuvor gesungen; ein Spiel mit dem Feuer. Na und? Dafür ein "Ring" ohne alte Bekannte.
Selbst Meiningens Generalmusikdirektor Kirill Petrenko, der "Ring"-Dirigent, riskiert ein Debüt: Bis heute hat der Russe, gerade mal 28, noch keine einzige Wagner-Oper geleitet; nun muss er als Novize gleich zwei verschiedene Orchester übernehmen. Denn um die geballte Ladung Wagner zu schaffen, wird im Graben gewechselt: Die ersten beiden "Ring"-Abende übernimmt die Meininger Kapelle, bei "Siegfried" spielt die benachbarte Philharmonie Gotha-Suhl, das fünfstündige Finale der "Götterdämmerung" teilen sich die beiden Klangkörper - ein Job-Sharing von, gelinde gesagt, apartem Reiz.
"Das Ganze ist ein Abenteuer", beruhigt Mielitz, aber eines nach Plan. Immerhin hat sie "Das Rheingold", den so genannten "Vorabend" der Tetralogie, schon vor zwei Jahren weitgehend einstudiert, "Die Walküre" im Herbst 1999, "Siegfried" im Januar 2000. Seitdem lagen die Einzelteile ungespielt auf Eis; alle Mitwirkenden, so die Theaterleitung, hätten ihre Partien "über einen Zeitraum von zwei Jahren langsam in Körper und Geist reifen lassen" können. Jetzt, im Finaldurchgang bis Mitte April, wird die artistische Tiefkühlkost wie in einer Mikrowelle aufgetaut.
Und wofür dieses ganze Theater? Für eine einzige, längst überbuchte Oster-Gala und vielleicht noch ein Dacapo zu Pfingsten? Nicht mit der Mielitz. Die wagt nun die ganz große Nummer und hat die Tetralogie gleich achtmal auf den Spielplan gewuchtet. Das sind, alle Achtung, bis Juni nächsten Jahres immerhin an die 130 Stunden richtig große Oper - und immer zum Spottpreis: Der Premierenpack zu Ostern kostet in der "Fremdloge", dem feinsten Platz im Hause, gerade mal 252 Mark; danach und im dritten Rang ist der ganze "Ring" schon für 128 Mark zu haben - Wagner als Schnäppchen.
"Vielleicht sind wir zu günstig", rechnet Mielitz nach, "aber ich glaube, wir kommen über die Runden." Ein paar Sponsoren hat sie aufgetan, und auch die öffentliche Hand ließ sich nicht lumpen: Da dem Haus mit stolzen 86 Prozent Auslastung allenthalben gute Führung nachgesagt wird, durfte Mielitz alle Einnahmen aus dem Billettverkauf 1999 - rund 3,8 Millionen Mark - in ihr "Ring"-Projekt buttern.
Aber Geld ist jetzt, wo es ernst wird mit den vollbusigen Rheintöchtern, für sie kein Thema mehr. Ihr "Ring" braucht nun mit aller Kraft den letzten Schliff. Zerbrechlich wirkt Mielitz in diesem endzeitlichen Stress, hektisch, aber auch zäh; eine Gerte ist sie, doch eine mit Wuppdich.
"Ja, ja", springt diese Mutter Courage hinter ihrem Tapeziertisch im Landratsamt auf, "okay, Nanco, jetzt sehe ich, wie du angesichts der nackten Weiber Stielaugen kriegst und denkst: ,Pah, ist das toll, nur leider darf ich nicht dranfassen.'" Ein kurzer Lacher, "danke, Nanco", Abgang Mielitz.
Weiter im Text, weiter, weiter. Keine Pausen, nur einen Kaffee. Neuer Spielplatz, nächste Probe. Bis am Schluss der "Götterdämmerung" die Welt untergeht, müssen 16 Stunden Musiktheater bewältigt werden, und davor hat Mielitz "jeden Tag mehr Respekt".
Entsprechend reißt ihr Redefluss sie mit: warum ausgerechnet sie, die Außenseiterin aus Chemnitz, ausgerechnet dieses Risiko und das ausgerechnet in Meiningen eingeht. Da sprudelt sie über vom "Urgeheimnis der Ewigkeit", von "Natur und Sexualität" und von der "Potenz der Revolution", dass sie "in Wagners Ideenschlacht nicht auch noch eine Materialschlacht will", aber sie möchte auch keinen "Ring" in mythischem Gedünst, "etepetete und abgehoben". Schließlich habe Wagner das Leben "nicht mit Messer und Gabel gefressen".
Als "Ring"-Zuschauerin wolle sie "keine Fabriken, keine Mafia und keinen Wonnemond sehen", dafür gehe sie "nicht vier Abende in die Oper" und sitze sich "den Hintern wund", nein, sie will "schlicht und einfach staunen können", "groß" müsse das Stück sein, "überwältigend", aber "nicht bequem", eher "anstrengend". "Angst" habe sie "keine mehr", jetzt, gut fünf Wochen vor dem Ernstfall, sei das "wie bei den Wehen - die Sache will raus".
Schon raunt es in Meiningen, wo jeder einen kennt, der einen kennt, der flott im Theater arbeitet, dass die ganze Wagner-Chose brisant sei, hochpolitisch, skandalträchtig. Jedenfalls dringt immer häufiger seltsame Kunde aus Malersaal und Kostümschneiderei: Dort würden furchtbare Höllenstürze gepinselt, auch eine zum Skelett verbrannte Brünnhilde wurde gesichtet, ganze Ballen von schwarzrot-goldenem Fahnentuch und ein Kinderbett, in dem Siegfried, der stolze Held, gewindelt werde.
Wotans Speer, dieses Zeichen der Macht, verwandle sich in eine Fahne und in eine Krücke und schließlich sogar in die Ferula, den Stab des Heiligen Vaters; die 5,50 Meter hohen Riesen Fafner und Fasolt trügen die Schädel von Richard Wagner und Ludwig II.; die blutrünstigen Walküren würden 30 Kerle kopfüber an Fleischerhaken aufhängen, die Wälsungen-Geschwister beim Liebesakt von einem nackten Paar gedoubelt, und wenn Siegfried den Drachen töte, werde das Ungetüm gleich dreimal den Komponisten ausspeien. Kotzbrocken Wagner?
Bei Wotan - gemütlich und schicklich dürfte es im österlichen Meiningen nicht werden. Dafür sorgt vor allem jener Klabautermann, der für Mielitz das Bühnenbild gemacht und sich dabei ein Denkmal gesetzt hat. Auf seinem Walkürenfelsen klotzt jedenfalls ein riesiger Januskopf: links der hakennasige Komponist Richard Wagner, rechts er selbst - der schnurrbärtige Bildhauer Alfred Hrdlicka. Dieser linke Überzeugungskünstler gilt in der Kulturszene als rotes Tuch und dürfte, jede Wette, für gusseiserne Wagnerianer ein Fels des Anstoßes werden.
Mit Oper hat der österreichische Kunstprofessor Hrdlicka, 72, bislang nicht viel im Sinn gehabt, mit dem politisch wetterwendischen Wagner schon gar nicht. Luigi Nonos Polit-Stück "Intolleranza 1960" war, vor neun Jahren in Stuttgart, seine bislang einzige Arbeit für das Musiktheater.
Doch dann traf er in Wien die Mielitz, und die setzte ihm den Floh mit dem "Ring" ins Ohr, und da fing er Feuer: Ein "ostdeutsches Bayreuth" habe ihn gereizt, der Plan, "den ganzen ,Ring' an vier Tagen hintereinander" aufzuführen, sei "spannend". Stimmt: Hrdlickas Zusage machte den "Ring" zum heißen Eisen.
"Wie ein Liebesakt" sei die Nähe des Bühnenbildners zum Regisseur, am Ende komme "ein gemeinsames Kind heraus", beschreibt Mielitz ihre Zusammenarbeit mit Hrdlicka: "Das Konzept zum ,Ring' ist unsere gemeinsame Meinung zum Stoff."
In harmonischem Groll blicken die beiden offenbar auch auf Bayreuths Grünen Hügel hinab, der, nicht mal 100 Kilometer entfernt, immer noch als Epizentrum der etablierten Wagner-Pflege gilt.
Jedenfalls haben sie in ihrem "Ring"-Fundus einen ominösen Hänger parat, auf dem Helmut Kohl zu sehen ist und Angela Merkel, Edmund Stoiber und Joschka Fischer. Aber diese Herrschaften stehen nicht am Meininger Theater, sondern vor dem Bayreuther Festspielhaus. Dahin, so die Botschaft, passen sie besser.
Der Spiegel/März 2001
R I N G - P R E M I E R E
Endspurt zum Wagnis Wagner
Überzogener Kraftakt oder Kulturereignis des Jahres? - Von Karfreitag an inszeniert Regisseurin Christine Mielitz in Meiningen den Opern-Zyklus "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner.
Meiningen - Es ist ein Opernexperiment der besonderen Art. An vier aufeinander folgenden Abenden werden "Das Rheingold", "Die Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung" am Staatstheater im südthüringischen Meiningen aufgeführt. Und zwar so, wie es Richard Wagner (1813-1883) in seiner Inszenierung vor 125 Jahren selbst vorgegeben hat - ohne einen einzigen Ruhetag. Musikkenner erwarten mit Spannung diesen fast 17 Stunden dauernden Kraftakt, gelang das Großprojekt bislang doch nur ein einziges Mal, im ersten Jahr der Bayreuther Festspiele 1876.
Die 24.000 Einwohner Meiningens sind im Wagner-Fieber
Zwei Jahre lang hat das Ensemble in Meiningen für diesen musikalischen Marathon geprobt. Für die Aufführung sind die Hauptpartien mehrfach besetzt worden. So wird in der Rolle des Wotan unter anderem Franz Hawlata zu sehen sein. Den Part der Brünnhilde teilen sich Lisa Gasteen und Ursula Prem. Stephen Ibbotson oder Jürgen Müller werden den Siegfried darstellen.
Das Projekt "Wagnis Wagner" steht unter der Leitung der Meininger Theater-Intendantin und Regisseurin Christine Mielitz. Als sie 1998 von der Komischen Oper Berlin nach Meiningen wechselte, hatte sie die Pläne für das Ring-Projekt schon in der Schublade.
Die Akteure haben keine Zeit zum Ausruhen
Im Orchestergraben gibt Kirill Petrenko, der 28-jährige Generalmusikdirektor, sein Wagner-Debüt. Er dirigiert bei den Ring-Zyklen gleich zwei Orchester. Das Meininger Theaterorchester spielt "Rheingold" und "Walküre", die Thüringen Philharmonie Gotha-Suhl den "Siegfried". Die "Götterdämmerung" gestalten Musiker aus beiden Orchestern. Ein Austausch mit Tradition, denn schon 1876 entsandte Georg II. von Sachsen-Meiningen 26 Kapellisten seines Hoftheaters zu den ersten Bayreuther Festspielen.
In ihrem Konzept greift Mielitz vor allem die revolutionären Hintergründe von Wagner auf, der sich am Dresdner Mai-Aufstand 1849 beteiligte. "Ich will das Publikum konfrontieren mit der Kraft, die Menschen aufbringen, um Visionen zu erzeugen", sagt die 51 Jahre alte Regisseurin. In der Geschichte des Mannes, der ohne Geld und Gold ein Gesellschaftsbild entwerfe, spiegelten sich Elemente der Künstlerpersönlichkeit wider.
Das Bühnenbild dürfte auf Wagnerianer anstößig wirken
Diese Aspekte haben auch der Wiener Maler und Bildhauer Alfred Hrdlicka und sein ehemaliger Assistent Jan Schneider optisch umgesetzt. Ein Vorhang, der die Skyline von Frankfurt am Main zeigt, steht für Wagners Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus. Der Wald ist ein schwarz-rot-gelbes Geflecht, das Bett in der Schlussszene von "Siegfried" erinnert an die Dresdner Barrikade. Und wenn Siegfried den Drachen tötet, wird das Ungeheuer dreimal die Gestalt Wagners ausspeien, als Zeichen für dessen Drang nach schöpferischer Selbsterneuerung. Schneider hat die großen Porträts des Bühnenbildes kreiert, etwa den Altar mit Januskopf, der die beiden Konterfeis von Hrdlicka und Wagner zeigt. Die beiden Riesen Fasolt und Fafner haben die Gesichter von König Ludwig II. und Wagner.
Karten für die "Ring"-Aufführungen sind schon weg
Die restlos ausverkauften Premieren werden von einem kulturellen Rahmenprogramm begleitet. Vor den Aufführungen gibt es thematische Einführungen für das Publikum. Bühnenbildner Hrdlicka zeigt von Ostersamstag an in drei Ausstellungen Arbeiten rund um den Komponisten Wagner.
Auch für die im Sommer folgenden drei weiteren "Ring"-Zyklen in Meiningen gibt es nach Angaben des Theaters schon keine Karten mehr.
Der Spiegel/April 2001
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